Menarvis Landschaftsarchitektur Basel
Unsere Grünräume

Biodiversität – Schutz oder Nutzen

|   Landschaft und Gesellschaft

Im Rahmen einer dreiteiligen Veranstaltungsreihe des Instituts für Landschaft und Freiraum (ILF) an der HSR Hochschule für Technik Rapperswil wurden die grossen Herausforderungen wie Energiewende, Verdichtung und Landwirtschaftsreform kontrovers diskutiert.

Im Rahmen einer dreiteiligen Veranstaltungsreihe des Instituts für Landschaft und Freiraum (ILF) an der HSR Hochschule für Technik Rapperswil wurden die grossen Herausforderungen wie Energiewende, Verdichtung und Landwirtschaftsreform kontrovers diskutiert.

Die Biodiversität ist in der Schweiz rückläufig. Aufgrund des nachhaltigen Drucks auf natürliche Lebensräume ist bereits ein Drittel der einheimischen Arten bedroht. Wie das Bundesamt für Umwelt (BAFU) auf seiner Homepage zusätzlich ausführt, würden bei einer weiteren Verschlechterung die Versorgung mit Lebensmitteln und Rohstoffen oder die Fruchtbarkeit der Böden gefährdet. Um dagegen anzukämpfen hat der Bundesrat 2012 den Strategieplan „Biodiversität Schweiz“ verabschiedet. Denn die Erhaltung der Biodiversität sei zur nationalen Aufgabe geworden.

Angesichts der weiter fortschreitenden Zersiedelung und der neuen Trends wie Verdichtung und Energiewende ist zu hoffen, dass der Spagat gelingt und die ehrgeizigen Ziele des Aktionsplanes umgesetzt werden können. Auf gar keinen Fall dürfen Landschaftsarchitekten und Gartenbauer bei der politischen und gesellschaftlichen Debatte an der Seitenlinie stehen. Geht es doch beim Verlust des grünen Freiraumes auch um eine Einbusse unserer beruflichen Lebensgrundlage.

Energiewende contra Biodiversität – Solarkraftwerk am Walensee

Oberhalb des Walensees soll in einem alten Steinbruch das grösste Schweizer Solarkraftwerk mit 80'000 m2 Fläche entstehen. Es ist kaum verwunderlich, dass dieses Projekt die Gemüter erhitzt, gehört doch das Gebiet Speer-Churfirsten-Alvier zu den Landschaften und Naturdenkmälern nationaler Bedeutung (BLN)

Was hat in einzigartigen und schützenswerten Landschaften Priorität? Ist es die Energieproduktion oder die Förderung der Biodiversität? Müssen intakte Landschaften und ökologische Werte vermehrt der Energiegewinnung geopfert werden? Ist ein gleichberechtigtes Nebeneinander möglich? Diesen Fragen gingen Fachleute am ersten Veranstaltungsabend nach.

Geballte Ladung

In einem gut vorbereiteten Referat zeigte Werner Frei, Leiter Produktion erneuerbare Energien der Elektrizitätskraftwerke Zürich auf, dass Solaranlagen auf Dächern nur für den lokalen Stromverbrauch geeignet sind. „Die verfügbaren Dächer reichen niemals aus, um die Energiestrategie 2050 zu erreichen. Denn 70% dieses Stromes werden zum falschen Zeitpunkt produziert. Im Sommer weisen wir grosse Überschüsse aus, auf der anderen Seite sind Beiträge in den Wintermonaten gering“, erklärte der Experte. Solaranlagen auf Dächern würden deshalb das Problem nur verschärfen. Die Schweiz brauche alpine und winteroptimierte Anlagen, um die Produktion und den Verbrauch an Strom auszugleichen und den Bau von teuren Speichern zu vermeiden. 

Der Steinbruch Schnür am Walensee wäre wegen seiner Südausrichtung und der hohen spezifischen Einstrahlungswerte verstärkt durch Reflexion des Sees ein optimaler Standort. Kulturlandverlust würde ebenfalls wegfallen. Werner Frei appellierte an das Publikum statt zu diskutieren, ob eine Anlage genug schön sei, endlich mit der Umsetzung zu beginnen. Einen wissenschaftlich untermauerten Beweis, dass Photovoltaik-Anlagen der Biodiversität nicht schaden, blieb er schuldig.

Einen ebenfalls argumentativ starken Auftritt bot Gallus Cadonau von der Solar Agentur Schweiz. Er bewies anhand von Zahlen und Fakten, dass wir Energie en masse verschwenden. Es sei ein enormes Einsparpotential vorhanden - ohne Komfortverlust. Eindrücklich waren seine vielfältigen Beispiele, bei denen er den Energieverbrauch von Gebäuden vor und nach einer Sanierung aufzeigte. Er wiederholte mehrfach, unsere Gesellschaft müsse zuerst ihren gigantischen Konsum an Energie eindämmen, bevor neue Stromanlagen in die Landschaft gebaut würden. Er fügte mahnend hinzu, dass bei den Gewässern die Zerstörung bereits total sei.

Kein Heimspiel

Zurückhaltend war der Auftritt von Hans-Michael Schmitt, Professor für Landschaftsplanung an der HSR und Institutpartner ILF. Er erklärte, dass Landschaften Geschichten erzählten und die Frage, welche Landschaft wir uns gönnen und wir vererben wollten, im Zentrum stehen solle. Je empfindlicher eine Landschaft, umso respektvoller müsse gebaut werden. 

Eine Diskussion über ein Nebeneinander zwischen Landschaft und Energiegewinnung und über die Auswirkungen der Energiewende auf die Biodiversität fand leider nicht statt. Stichhaltige Argumente, um sich als Anwalt intakter Landschaften einzusetzen, fehlten ebenso wie Voten für die neuen und vordringlichen Aufgaben der Landschaftsarchitektur /-planung im Wandel der Zeit. Auf diese Weise überlassen wir das Feld zur Gestaltung der Landschaft unweigerlich anderen Berufsgattungen, welche Ihre Interessen professioneller vertreten.

Biodiversität im Siedlungsraum – Vielfalt in der Stadt und in den Agglomerationen

Die urbanen Regionen der Schweiz boomen. Um allen Menschen Platz zu bieten wird verdichtet. Wertvolle Freiräume im Siedlungsraum gehen verloren. Zeitgleich wächst in den immer enger bebauten Städten und ihren Agglomerationen das Bedürfnis nach attraktiven Grünflächen.

Was bietet die Stadt an Artenvielfalt? Welche Trends lassen sich ableiten? Wie steht es um die Bilanz urbaner Biodiversität und was kann für sie getan werden? Darauf antwortete Stefan Ineichen, Biologe und Schriftsteller aus Zürich in einem geistreichen Vortrag am zweiten Veranstaltungsabend.

Was viele nicht wissen

„Stadt ist nicht nur grau, sie ist auch grün. Auch in der Stadt findet Natur statt, gibt es Biodiversität“, erklärte der Biologe. Je grösser eine Satdt umso grösser die Artenvielfalt. Beispielsweise fänden 1'200 Pflanzen- und 16'000 Tierarten in Zürich Lebensraum. Selbstverständlich sei eine Stadt nicht homogen vielfältig. Gärten, Parks, Siedlungsränder oder Industriebrachen würden diesbezüglich wichtige Funktionen übernehmen. Für die Biodiversität im Siedlungsraum gibt es eine Begründung: “Tiere und Pflanzen siedeln sich aus dem gleichen Grund in der Stadt an, wie Menschen“, witzelte der Referent. Die Kleinräumigkeit, das Durcheinander an verschiedensten Nutzungen, das wärmere und trockenere Klima gestalteten das Leben angenehmer und spannender.

Gefährdung der Biodiversität

Die bauliche Verdichtung, die Zerstörung von Kleinstrukturen in Gärten und die Umwandlung des Aussenraumes in monotones Umgebungsgrün ortet Stefan Ineichen als gefährliche Trends für die Artenvielfalt. Die komplette Umstrukturierung von Zürich Nord zu einem dichten Quartier für Wohnen und Arbeiten veranschauliche die Entwicklung bildlich. War die Zauneidechse hier weit verbreitet, findet sie sich heute nur noch entlang der Bahngeleise. Scharfsinnig bemerkte der Referent, dass sich die Natur im Siedlungsraum verflüchtige und immer öfter designed, gar virtuell reproduziert werde.

Ein Flop

Auch der Naturschutz habe versagt. Denn die Bilanz urbaner Biodiversität sei ernüchternd. In der Stadt Zürich beispielsweise habe sich bei den Vogelarten die Zahl der Brutpaare in den letzten 20 Jahren um 20% verringert. Dazu gehörten sogar anspruchslose Vögel wie der Buchfink, der Hausrotschwanz und der Spatz. Eine Baumanalyse in Schwammendingen habe gezeigt, dass ab 2006 in nur 5 Jahren 1/10 aller Bäume verschwunden sind. Von 13 alten Solitärbäumen stehen nur noch 3, von 125 voluminösen Bäumen wurden 31 gefällt. Ironischerweise nenne sich Schwammendingen die „Gartenstadt“.

Appell an Landschaftsarchitekten und Gartenbauer

Zum Schluss seines Vortrages komprimierte Stefan Ineichen seine Ausführungen auf eine ebenso einfache wie stupende These: „Für die urbane Biodiversität ist es wichtig, dass man gärtnert.“ Den Dialog zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen erachte er als vordringlich, damit der grüne Aussenraum wieder als „Garten“ wahrgenommen und die Einsicht gestärkt werde, dass es nicht richtig sei, ihn möglichst billig loszuwerden. Auch deshalb müssen wir als Landschaftsarchitekten und Gartenbauer dafür sorgen, dass wir bei Bauvorhaben von Anfang an beigezogen werden.

Biodiversität und Landwirtschaft – Zusammenspiel oder Gegensatz?

Die Landwirtschaft ist der grösste Nutzer, aber auch der wichtigste Partner unserer Landschaft. Auf der einen Seite tragen die Bauern die Verantwortung für wesentliche Teile der schweizerischen Nahrungsmittelproduktion, auf der anderen Seite hat die Art der landwirtschaftlichen Nutzung grossen Einfluss auf die natürliche Vielfalt. Eine Allianz zwischen Naturschutz und Landwirtschaft ist deshalb sehr wichtig. Diese wird mit der Agrarpolitik 2014-17 weiterentwickelt.

Die Schweiz, ein armes Land

Die letzte Veranstaltung dieser Vortrags- und Diskussionsreihe eröffnete André Stapfer, Professor für Landschaftsökologie und Institutpartner ILF, HSR mit einem geschichtlichen Abriss über unsere heimische Landwirtschaft. Dieser erwies sich als wertvoll, um die schweizerische Agrarpolitik besser zu verstehen.

Die Schweiz sei ein armes, von der Agrikultur dominiertes Land gewesen. Eine grosse Krise erlebte sie Ende des 19 Jhd. als die Getreidepreise stark fielen. Eine Hungersnot brach Anfang des 20. Jhd. mit dem 1. Weltkrieg aus. Um dem tiefen Getreidepreis zu entfliehen, hatte unser Land nämlich zu einseitig auf die Milchwirtschaft gesetzt. Während des 2. Weltkrieges wollte man besser gerüstet sein und für alle genug zu essen haben. Die „Anbauschlacht“ sollte die Selbstversorgung der Schweiz sicherstellen. Solche Erfahrungen führten zu staatlichen Interventionen. Heute sei die Schweiz hinter Österreich das Land, welches von den Industrienationen am stärksten subventioniert werde. „1930 brauchte es 600 Stunden um 1 ha zu bewirtschaften, heute genügen 40 Minuten. Das Resultat dieser Mechanisierung kennen wir – eine ausgeräumte Landschaft,“  ergänzte André Stapfer.

Gegensteuer

Vor dem Hintergrund des starken Rückganges der Artenvielfalt will die neue Agrarpolitik das Direktzahlungssystem in Teilen umbauen. Konkret werden auf nächstes Jahr die Tierbeiträge zugunsten der Biodiversität und Landschaftspflege gestrichen. Dafür hat Marcel Liner, Landwirtschaftsexperte Pro Natura gekämpft. Er meint, dass zu viel Geld in die Nahrungsmittelproduktion fliessten statt in die Ökologie. „Wir haben ein Umwelt-, nicht ein Produktionsproblem. Wir haben auf so wenig Fläche noch nie so viel produziert. Eine Kuh beispielsweise erreicht beim vorherrschenden Kraftfuttereinsatz ihre Belastungsgrenze.“ Ins gleiche Horn bläst Hans-Ulrich Gujer vom Bundesamt für Umwelt BAFU: „Wir müssen die Landwirtschaft von einem sehr hohen Produktionsniveau auf ein normales Mass deintensivieren und standortgerecht produzieren.“ Eine Hochleistungskuh mache die alpine Landschaft kaputt und die Alpen machen sie kaputt, war sein einleuchtendes Beispiel. 

In der Diskussion mit Andreas Widmer, Geschäftsführer des St.Galler Bauernverbandes realisiert man, dass die vom Bund angeordnete Agrarpolitik nicht einfach per Dekret umsetzbar ist. Denn die Wertvorstellungen der Bauern liessen sich nicht von heute auf morgen umändern. „Die Bauern sehen sich als Produzenten. Landschaftsschutz empfinden viele als minderwertig“, erklärt er. Hier müsste noch viel Aufklärung geleistet werden. Auch die Ausbildung hinke hinterher. All diese Anpassungen würden Jahre in Anspruch nehmen.

In einem Punkt waren sich alle Beteiligten einig. Landwirtschaft und Biodiversität sei kein Gegensatz. Es müsse ein Zusammenspiel sein. Die Erkenntnis, dass die Ökologisierung nicht den Naturschützern zuliebe vorangetrieben werde, sondern für den Erhalt unsere Lebensgrundlage sei dabei zentral. Wenn es dreimal mehr wertvolle Lebensräume braucht, als heute vorhanden sind, um im Talgebiet der Schweiz die Biodiversität zu verbessern, so zeige das die Dringlichkeit eines nachhaltigen und sorgsamen Umganges mit unserer Landschaft auf.