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Castanea sativa oder die Renaissance eines alten Kulturgutes

|   Pflanzenverwendung

Die Edelkastanie galt lange als Kulturbaum. Infolge gesellschaftlicher Umwälzungen verlor sie an Bedeutung. Seit einigen Jahren erwecken verschiedene Projekte die einst blühende Kastanienkultur zu neuem Leben.

Die Edelkastanie galt lange als Kulturbaum. Infolge gesellschaftlicher Umwälzungen verlor sie an Bedeutung. Seit einigen Jahren erwecken verschiedene Projekte die einst blühende Kastanienkultur zu neuem Leben.

Castanea sativa genoss früher im gesamten Alpenraum einen hohen Stellenwert. Heute ist sie im Bewusstsein der Schweizer nur noch als typischer Baum der Alpensüdseite bekannt. In Vergessenheit geraten ist, dass auch in einigen Regionen der Zentralalpen und sogar auf der Alpennordseite, rund um die Zentralschweizer Seen, einst eine traditionelle Kastanienkultur gepflegt wurde. Kastanienhaine waren Ort der Ernte und prägendes Landschaftselement. Viele davon sind erloschen. Bund, Kantone, Fonds und Verbände setzen sich seit Jahren für den Erhalt und Aufbau letzter Hainrelikte ein. Auf die Bemühungen der IG Pro Kastanie Zentralschweiz den wertvollen und vielfältigen Chestenebaum zu fördern, fokussiert der vorliegende Bericht.

Geschichtlicher Hintergrund

Castanea sativa stammt ursprünglich aus Ostasien. Ihr eiszeitliches Hauptrefugium lag im Kaukasus. Vor etwa 2000 Jahren wurde sie von den Römern in unsere Breitengrade eingeführt. Seither übernahm diese Baumart - mehr als jede andere in Europa - eine lebenswichtige Rolle. Die Kastanie war besonders für die arme Bevölkerung das Nahrungsmittel für mindestens 6 Monate im Jahr. Wo die Kastanie wuchs, dorthin kam der Mensch, wo sich der Mensch ansiedelte, pflanzte er die Kastanie. So entstand nicht nur auf der Alpensüdseite ab etwa 1000 n. Chr., sondern auch in den vom Föhn beeinflussten Tälern der Nordschweiz ab etwa 1300 eine wahrhafte Kastanienkultur. Rund um den Vierwaldstättersee, mehrheitlich am Rigi-Südhang, wurde Castanea sativa vom Mittelalter bis ins 17. Jahrhundert in grossem Stil als Grundnahrungsmittel kultiviert.

Im Zuge der kleinen Eiszeit (1650-1780), der Industrialisierung und der Einführung neuer Agrarprodukte, wie die Kartoffel und der Mais, verlor die Edelkastanie an Bedeutung und geriet im 20. Jahrhundert völlig in Vergessenheit. Zu diesem Niedergang trug die eingeschleppte Krankheit des Kastanienrindenkrebses nicht unwesentlich dazu bei. In den letzten 300 Jahren sind viele Kastanienhaine der Zentralschweiz bis auf einige Relikte verschwunden. Mit ihnen erlosch nicht nur eine einmalige pflanzengenetische Ressource, sondern auch das Wissen über spezifische Lokalsorten der Alpennordseite. Heute erinnern alte Namen, wie der Horwer Ortsteil ‚Kastanienbaum’, die ‚Chesteneweid’ ob Weggis LU oder das ‚Chestenewäldli’ bei Greppen LU von der blühenden Innerschweizer Kastanienkultur.

Castanea sativa: ein Multitalent

Die Edelkastanie lieferte dem Menschen mit ihrer Frucht kohlenhydratreiche und fettarme Nahrung. Früher wurden die Marronis in steinernen Dörrhäusern wochenlang auf einer Glut geröstet. Mit der blanken, gedörrten Kastanie erzeugten unsere Vorfahren Mehl. Aus den Blüten liess sich der aromatische Honig gewinnen. In den Kastanienhainen entstanden sogar Kohlenmeiler, denn das Holz war als gutes Brennmaterial begehrt. Vor allem ist es wegen des vorhandenen Tanins  sehr dauerhaft. Deshalb eignet es sich für Aussenbauten wie Holzroste, Rebstöcke, Lattenzäune, Lawinenverbauungen und Spielgeräte. Dank seiner hervorragenden Eigenschaften als dekoratives, hartes und trotzdem elastisches Holz, das sich gut verarbeiten lässt, findet es bis heute auch im Innenausbau hohe Verwendung. Mit so vielen Talenten ist es nicht verwunderlich, dass Castanea sativa eine Renaissance erlebt.

Was ist ein Kastanienhain?

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich zwischen dem Menschen und der Edelkastanie eine intensive Beziehung. Dadurch entstanden spezielle Lebens- und Wirtschaftsweisen. Der Kastanienhain – die sogenannte „Selve“ – war die Nutzungsform, wie Castanea sativa kultiviert wurde. Dabei handelt es sich um einen lichten Wald, mit parkähnlicher, lockerer Bestockung (etwa. 60-75 Bäume/ha) aus grosskronigen Kastanienbäumen. Darunter wuchs eine durchgehend geschlossene Kraut- oder Grasschicht. Diese Form des Bewirtschaftens ermöglichte drei verschiedene Nutzungen, die sich ideal ergänzten. Im  Vordergrund stand die Fruchtproduktion, in zweiter Linie die Unternutzung durch Mahd oder Beweidung. Oft wurde im Herbst das Laub als Streu gesammelt. Zu guter letzt lieferte die Selve wertvolles Holz. In der Zentralschweiz wurden die Haine meistens durch die Korporation bestellt. Im Tessin war das „jus plantandi“ (privater Baumbesitz, ohne Bodenbesitz) häufiger. Es verlieh dem Bürger das Recht auf der Allmend Bäume zu pflanzen, zu pflegen und zu ernten. Die Edelkastanien waren dann mit einer Nummer gekennzeichnet.

Ein einzigartiger Lebensraum

Seit der Nutzungsaufgabe sind zahlreiche Selven verbuscht. Viele Kastanien-vorkommen der Zentralschweiz sind heute im Wald eingewachsen. Der einst helle Lebensraum wurde dichter und dunkler. Durch die Vernachlässigung der Haine geht ein einzigartiges Element in der Landschaft verloren und mit ihm ein Habitat für seltene und gefährdete Arten. Zusätzlich verschwindet das Wissen und die Infrastruktur der Kastanien-bewirtschaftung und –verarbeitung sowie die Vielfalt an lokalen Kastaniensorten. Diese Werte gilt es durch Selvenrestaurationsprojekte zu erhalten und zu neuem Leben zu erwecken.

Selvenrestaurationen und Neubegrün-dungen

Die erste Restauration startete 1979 im Bündner Südtal des Bergells. Die meisten  erfolgten im Tessin. Diese Projekte gaben Anstoss für ein ähnliches Unterfangen in der Zentralschweiz.

2006-07 untersuchte ein Vorprojekt die Kastanienvorkommen und fand erstaunlich viele Relikte alter Selven. In der Projektphase 2008-11 wurden auf einer Fläche von 16.3 ha 14 Kastanienhaine restauriert oder neu begründet. Bei den Arbeiten sind folgende Leistungen angefallen: Die Flächen wurden von Verbuschung geräumt und Altbäume freigestellt. Bei 150 alten Hainbäumen und 64 wertvollen Einzelbäumen erfolgte ein Sanierungsschnitt. Die teils drastischen Schnittmassnahmen waren notwendig, um die Kronen der an Kastanienrindenkrebs erkrankten Castanea sativa zu stabilisieren und die Überlebenschancen des Baumes zu erhöhen. Letztendlich wurden 650 veredelte Kastanien neu gesetzt. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 762'000 CHF. Eine Übersicht der abgeschlossenen Projekte zeigt die untenstehende Aufstellung:

Kanton Luzern

Chesteneweid, Weggis                       4.9 ha

Zimmeriwald, Luzern/Adligenswil    2.9 ha

Plattenbänkli, Vitznau                        0.6 ha

Tanzenberg, Weggis                          0.7 ha

Krämerstein Utohorn, Horw              0.4 ha

Stotzigweid, Weggis                          0.5 ha

Mätzli, Vitznau                                  0.3 ha

Gächrain, Meierskappel                     0.9 ha

Kanton Nidwalden

Vordermattliweid, Kehrsiten             1.0 ha

Schafrain, Kehrsiten                          0.6 ha

Kanton Obwalden

Giglen Allmend, Stalden                   0.4 ha

Turren Ried, Stalden                          1.2 ha

Kanton Schwyz

Rufiberg Sommerweid, Arth             0.9 ha

Chilenwald, Ingenbohl                       1.0 ha

Mehr als nur Nostalgie

Die schönsten und ausgedehntesten Selven stehen im Tessin. Das Alto Malcantone rühmt sich als Land der Kastanie. Daneben gibt es vier weitere Kastanienregionen in der Schweiz: die des Bergells GR, des Chablais VS/VD, die von Murg am Walensee SG und natürlich jene der Zentralschweiz LU/SZ/ZG.

Alle unternehmen grosse Anstrengungen zur Erhaltung und Förderung ihrer einstigen Kastanienkultur. Dabei geht es nicht nur um statischen Schutz der letzten Zeugen der Vergangenheit. Die Erhaltungskonzepte sind dynamisch ausgerichtet und wollen zur Ankurbelung einer modernen Kastanienkultur sämtliche Akteure aus Natur- und Landschaftsschutz, Biodiversitäts- und Artenschutz, Wald- und Forstwirtschaft, Landwirtschaft und Ernährung, Tourismus und Gastronomie mit einbeziehen.

Als wichtigster Erfolg im Bereich Tourismus der Alpensüdseite hat sich der Imagegewinn als „Kastanienregion“ herausgestellt. Die landschaftlich schönen und ökologisch wertvollen Selven mit ihrem Erlebnis- und Erholungswert lassen sich gut vermarkten.

Auch in der Nahrungsmittelindustrie hat sich eine Eigendynamik entwickelt. Dies beweist die bereits ansehnliche, regionale Produktepalette. Leider hinkt die Produktion der jährlich steigenden Nachfrage hinterher, da kaum Anreize für das mühsame und unrentable Sammeln der Früchte bestehen.  

Mit Themenwegen, Chestene-Chilbi oder Chestene-Zytig versuchen Interessen-gemeinschaften und Verbände das Bewusstsein für Castanea sativa in der Bevölkerung weiter zu verankern. 

 

Castanea sativa und ihre Krankheiten

Der Kastanienrindenkrebs wurde aus Asien eingeschleppt und zerstörte anfangs des 20. Jahrhunderts innerhalb von 30 Jahren  ausgedehnte Kastanienwälder aus Castanea dentata in den östlichen USA fast vollständig. 1948 wurde er im Tessin festgestellt. In Europa verläuft die Krankheit weniger dramatisch. Einerseits ist unsere Castanea sativa weniger anfällig, anderseits haben sich Erregerformen mit abgeschwächter Virulenz etabliert. Der Pilz befällt die Rinde. Diese verfärbt sich rot und springt auf. Das Gewebe wird zerstört. Als Folge sterben die Pflanzenteile oberhalb der Befallsstelle ab. Drastische Sanierungsschnitte und eine biologische Beimpfung mit hypovirulenten Stämmen zeitigt gute Erfolge.

Die aus China stammende Edelkastanien-Gallwespe wurde 2009 im Tessin entdeckt. Infiszierte Triebe, Blätter und Blüten der betroffenen Edelkastanien zeigen eine starke Gallenbildung. Dies führt nach mehrjährigem Auftreten zu einem Kümmern der Bäume und einer bis 75% geringeren Fruchtproduktion. Da die Wespenlarven im Innern der Galle gut geschützt sind, ist eine Behandlung  mit Insektiziden wenig erfolgsversprechend. Über die Wirksamkeit von Bekämpfungs-massnahmen liegen leider noch wenige Erfahrungswerte vor.