Unsere Wahrnehmungskultur ist stark visuell geprägt. Das Akustische wird kaum gepflegt. Hörlandschaften gestalten, statt einseitig Sehenswürdigkeiten schaffen, ist ein reizvolles Planungsfeld, das an Bedeutung gewinnen könnte.
Nicht nur die Medien bedienen sich der Bilder, selbst die Kommunikation wird visueller. Mails und SMS verbannen den Griff zum Telefonhörer. Planende visualisieren ihre Projekte und überbieten sich damit, optisch Überwältigendes zu gestalten. Dabei geht das Ohr vergessen. Schliessen wir nämlich unsere Augen, ist ein Ort dann schön, wenn er angenehm klingt. Die Ästhetik eines Raumes lässt sich demnach auch über das Akustische definieren.
Das Ohr, als offenes Sinnesorgan, lässt sich nicht wie das Auge einfach schliessen. Wolfgang Faser, Klangforscher und Musiktherapeut beschreibt es mit wenigen Worten treffend: „Über das Hören kommt die Welt zu uns, mit dem Schauen gehen wir in die Welt hinaus.“ Auch Kurt Tucholsky schrieb bereits 1927: „Geräusche anhören, ist an fremdem Leben teilnehmen.“ Diese wenigen Äusserungen genügen, um sich bewusst zu werden, welche Auswirkungen Lärm und Stille auf das Wohl des Menschen haben kann und wie wichtig es ist, die Klangwelt unserer Umgebung positiv zu beeinflussen.
Lärm – Begleiter der menschlichen Zivilisation
Bereits im Alten Rom erkrankten viele, weil Schlaflosigkeit sie schwächte. Der römische Satirendichter Juvenal beschrieb, wie der Güterverkehr nachts bis in die frühen Morgenstunden abgewickelt werden musste, weil tagsüber das Menschengewimmel kein Durchkommen ermöglichte. Im Mittelalter war das Getöse der Hammerschmieden weitherum hörbar. Mit Wasserkraft betriebene, riesige Hämmer bearbeiteten mit wuchtigen Schlägen das auf dem Amboss liegende Metallwerkstück. Mit der Industrialisierung begannen Dampflocks zu schnaufen, Maschinen und Motoren heulten und stampften. So klang jedes Zeitalter anders.
Heute ist es nicht lärmiger als früher. Der Lärm ist aber flächendeckender. Verkehrswege zu Land und zu Luft, wie auch Siedlungsgebiete dehnen sich immer weiter aus und sorgen für eine Art Grundrauschen oder in der Fachsprache „Low Frequency Noise“. Gleichzeitig wird die Lärmbelastung anhaltender. Das verdichtete Bauen trägt dazu bei. Aber auch die vielfältigen Möglichkeiten immer mehr Leistungen maschinell ausführen zu können, tun das ihre dazu. Letztendlich verlieren lärmfreie Zeiten wie die Nacht, Sonn- und Feiertage durch gesellschaftliche Veränderungen ihre Bedeutung. Die Folge ist der Verlust des Verständnisses auf das Recht nach Ruhe. Kaum verwunderlich avanciert Lärm zu einer schwerwiegenden Umweltbelastung.
Lärm ist aber mehr als nur ein Geräusch, das stört. Lärm bedeutet auch Macht. Wer ihn erzeugt, hat die akustische Hoheit. Die christliche Kirche macht klar bis wohin ihre Religion Gültigkeit hat. Die Kirchenglocken beherrschten - einst mehr als heute – die Klangwelt im Siedlungsgebiet. In früheren Gesellschaftsformen hatten die Mächtigen das Recht Lärm zu erzeugen, Sklaven oder Bedienstete mussten schweigen. Ähnliche Verhaltensweisen finden wir auch in unserer Zeit wieder. Vorlaute Menschen telefonieren mobil und bestimmen den Sound öffentlicher Räume, die Unaufdringlichen haben ihn zu erdulden!
Stille – besser als ihr Ruf
Um Stille zu finden, hören wir oft weg. Beunruhigend dabei ist, dass wir uns aneignen, uns taub zu stellen. Wir werden hörblind und nehmen nur noch einen Teil der Wirklichkeit wahr. Desweiteren bringt unsere hektische Leistungsgesellschaft mit lauten Geräuschen «Fortschritt», «Kraft» und «Lebensfreude» in Verbindung. Stille hat einen negativen Beigeschmack. In den Begriffen «Totenstille», «Friedhofsruhe» oder «Grabesstille» schwingt dieser mit. Dabei gerät die Bedeutung der Stille – im Sinne einer ruhigen Umgebung – in Vergessenheit. Stille ist wie eine weisse Leinwand. Je stiller die Umgebung, umso präziser klingen die leisen Töne der Natur. Da Stille eine Bedingung für das Erlangen innerer Entspannung ist, spielt sie in der Religion und Meditation eine wichtige Rolle. Tätigkeiten wie Lesen, Musizieren oder Singen brauchen ebenfalls ein ruhiges Umfeld. Stille ist auch eine Voraussetzung für Konzentration und mit ihr für geistige Leistungsfähigkeit. Deshalb sind Kirchen, Bibliotheken oder Ruheräume in Wellness-Landschaften Orte der Stille. Wie steht es dabei um den (grünen) Aussenraum?
Klangraumgestaltung statt Lärmbe-kämpfung
Die Technisierung der Welt wird nicht mehr nur freudig mit dem Etikett des Fortschrittes assoziiert. Feierte man zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Moderne mit einem Kult der Lautstärke, werden heute laute Geräusche zunehmend als Bedrohung wahrgenommen. Dies äussert sich in einer verminderten Lärmtoleranz und in steigenden Lärmklagen. Was können wir tun?
Es liegt auf der Hand, dass die Möglichkeiten des Landschaftsarchitekten und Gartenbauers im Alleingang angenehme Klangräume zu gestalten, begrenzt sind. Erst bei der interdisziplinären Arbeit wird es interessant. Wenn Raumplaner, Architekten und Landschaftsarchitekten von Anfang an gemeinsam Lebensräume gestalten, eröffnet sich ein immenses Potential. Bereits die Art und Weise wie Infrastrukturen und Gebäude gesetzt sind, bestimmt massgeblich die akustische Qualität des (grünen) Aussenraumes. So bieten Innenhöfe von Hofrandbebauungen gute Möglichkeiten für die Schaffung wohlklingender Hörlandschaften. Auch mit der Wahl der richtigen Proportionen und Formen und dem Einsatz geeigneter Materialien und Pflanzen, nehmen Planende die Chance wahr, aktiv Klangraumgestaltung zu ermöglichen, statt reaktiv Lärmbekämpfung zu betreiben.
Sollten im Gespräch mit Bauherren, sein Bewusstsein für die akustische Wahrnehmung schärfen. Es ist durchaus in seinem Interesse, wenn nicht nur optisches Design im Vordergrund steht, sondern in gleicher Weise Sounddesign. Akustische Aussenraumqualität bestimmt massgeblich den Wert einer Immobilie. Hochwertiger Wohnraum wird in Zukunft bestimmt nicht nur schön sein, sondern mehr und mehr auch angenehm tönen müssen.
Ein Klanggarten für die Gesundheit
Das Bedürfnis nach Ruheinseln gewinnt an Bedeutung. Einerseits weil es schwieriger wird, einen ruhigen Raum zu finden, andererseits weil immer mehr Menschen ihre Gesundheit als ihr wichtigstes Kapital ansehen. Gärten der Ruhe sind für das psychische und physische Wohlbefinden von grosser Bedeutung. Darunter ist nicht zu verstehen, dass der Aussenraum absolut still sein soll. Vielmehr müssen wir uns bewusst werden, in welcher Klangwelt wir leben möchten. Was wollen wir nicht mehr hören, damit subtile Töne wieder hörbar werden? Sucht ein Kunde abseits von der Unruhe des Alltags, einen Ort des Rückzugs, wo er innerlich zu sich finden kann, nützt ihm ein noch so schön gestalteter Garten nichts, wenn er nicht gut tönt. Wenn wir als Landschaftsarchitekten und Gartenbauer unsere Kundschaft in diese Richtung sensibilisieren, beginnen wir, nicht nur visuell schöne, sondern auch angenehm klingende Gartenräume zu gestalten. Damit leisten wir auch einen wichtigen Beitrag an die Gesundheitsvorsorge. Dieser Aspekt darf als Verkaufsargument nicht ausser Acht gelassen werden. Der Garten wird unter seinem wahren Wert verkauft, wenn er bei Beratungsgesprächen und Gestaltungs-vorschlägen auf die gängigen Parameter wie pflegeleicht, funktional oder designed reduziert wird.
Klangideen aus der Natur
Die freie Natur bietet einen unendlichen Reichtum an Melodien. Nicht wenige kennen wir kaum noch. Bei unzähligen fällt es uns schwer, sie mit Worten zu beschreiben.
„Es gibt nichts schöneres als der Klang einer Pappel im Wind“, schwärmte bereits François Mitterrand. In der Tat, verfügen grossblättrige Pappeln über eine Blattform, die bei windigem Wetter ein sonores Rauschen erzeugen. Für kleinere Anlagen eignet sich die Zitterpappel besser. Ihr Klang ist etwas heller, doch ebenso beruhigend.
Eher amüsant als ausgleichend sind die Laute der Palmblätter im Wind. Die zu einem Akkordeon gefaltenen Wedel überraschen mit einem Geräusch, das dem Geklapper eines Storches mit seinem Schnabel verblüffend ähnlich ist.
Mit dem flinken Wegräumen des Herbstlaubes ist der Drang nach sauberen und sicheren städtischen Freiräumen gestillt. Das Klangerlebnis von aufgewirbelten Blättern muss aber im Wald aufgesucht werden. Dem Wohn- und Arbeitsort ist es entronnen. Zum Glück haftet das tote Laub an den Zweigen der Buchen und Eichen noch lange. Die Herbst- und Winterwinde verleihen diesen Pflanzen eine eigene Stimme. Die zappeligen Bewegungen der trockenen, gerollten Buchenblätter rufen hohe und schnelle Töne hervor, ähnlich einer Rassel. Der Klang der trägen Eichenblätter in der bewegten Luft, wecken Assoziationen an Papier, das zu einem Knäuel verformt wird.
Ein Gestrüpp aus einheimischen Pflanzen dient nicht nur als Nähr- und Schutzgehölz, sondern auch als Treffpunkt und Tummelplatz für Vögel. Durch ihr geselliges Beisammensein und spielerische Treiben erfüllen sie den Aussenraum mit einem freudigen Pfeifkonzert.
Viel subtiler ist die Klangwelt einer Holzbeige. Wenn die Sonne brennt, wird das Knacken hörbar. Ähnlich erklingen die toten Halme der grossen Ziergräser, wenn sie am Ende des Winters nicht zu früh zurückgeschnitten werden. Sobald das warme Frühlingswetter einzieht, zwickt und zwackt es in den letztjährigen, abgestorbenen Trieben.
Überraschende Töne entstehen, wenn Wespen an Holz nagen. Der ungeübte Hörer glaubt, jemand kratze mit dem Fingernagel etwas ab. Auch Rhododendronblüten haben eine Stimme. Von Hummeln aufgesucht, erklingen sie mit einem beruhigenden und wohligen Summen.
Beliebt sind die Geräusche des Wassers. Die Ausgestaltung bestimmt die Klangart. Plätschert Wasser zuerst auf Stein, entstehen helle, klatschende Geräusche. Fällt Wasser in einem kompakten Strahl direkt in eine Wasserfläche hören wir ein Rauschen vom Bariton bis zum Bass. Meret Oppenheim gelang mit ihrem Brunnen auf dem Dorfplatz von Carona im Tessin eine Klangraumgestaltung der feinsten Art. Die leise Stimme einzelner Wassertropfen ertönt um ein vielfaches kräftiger, wird sie durch ein mit Luft und Wasser gefüllten, unterirdischen Metallkörper verstärkt. Die reflektierenden Hausfassaden potenzieren den Schall nochmals. Nachts, wenn Schweigen herrscht, wähnt man sich in einer riesigen Tropfsteinhöhle – unter freiem Himmel!
Der Einsatz geeigneter Materialien spielt eine wichtige Rolle in der Klangraumgestaltung. Umgeben von absorbierenden Stoffen erklingt ein Raum weicher. Mit Holz, Kiesen und Sanden oder der Vegetation als solches geben wir den feinen Melodien der Natur eine bessere Chance gehört zu werden. Schnee – leider sehr flüchtig – besitzt grosse schallschluckende Eigenschaften. Ein schneebedeckter Aussenraum ist nicht nur stiller als üblich, er wirkt optisch auch ruhiger. Also, lassen wir den Schnee doch länger liegen!
Appell
Jeder einzelne kann durch sein Verhalten massgeblich dazu beitragen, unsere Umgebung akustisch angenehmer zu gestalten. Als Gartenbauer sollten wir uns fragen, ob wir uns nicht neu vermarkten könnten, würden wir das Zischen der Sichel im hohen Gras, dem Schreien einer Motorsense vorziehen. Würde die Kundschaft das Scharren des Rechens oder das Kratzen des Besens nicht dankend annehmen, statt sich dem Heulen des Laubbläsers auszusetzen? Dem Massieren des Schrubbers zu lauschen, statt das pfeifende Dröhnen des Kärchers zu ertragen, könnte in Zukunft Grund sein, sich für den leiseren Gärtner zu entscheiden. Denn Hand aufs Herz: Mit einigen modernen Methoden arbeitet es sich nicht produktiver, sondern nur lauter und bequemer. Letztendlich gilt der Appell auch der Zuliefererindustrie. Viele dieser Geräte und Maschinen tönen deshalb so anstrengend, weil in der Entwicklung beim Sounddesign der Motoren gespart wurde.