Bereits im 14 Jhd. beschrieben Dichter wie Dante Alighieri und Francesco Petrarca Italien als «Schönes Land». Das «Bel Paese», umgeben von Alpen und Meer, umhüllt von warmem Klima, ist nicht nur reich an natürlichen Schönheiten und kulinarischen Köstlichkeiten. Italien gilt als eines der Länder mit dem reichsten kulturellen Erbe.
«Le Langhe», eine Gegend im südlichen Piemont, wo Schutznetze in den Reben aus ästhetischen Gründen verboten sind, beindruckt mit ihrer malerisch hügeligen Kulturlandschaft. Seit 2014 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehörend, bietet sie nicht nur die berühmten Weine Barolo, Barbaresco und Barbera oder die weissen Trüffel aus Alba an, sie ist auch reich an pittoresken Dörfern, Burgen und Schlössern. Eine Schatztruhe für Planende von heute, welche die Gestalter von gestern erforschen wollen.
Architektonische Poesie
Wie der Lyriker, der Gedichte mit Worten schreibt, die durch ihren Klang und ihre Bildhaftigkeit den Leser tief berühren, schufen Gestalter in der Region Le Langhe mit bewundernswertem Instinkt und erstrebenswertem Feingefühl poetische «Landschafts-Architektur», die durch ihre Schönheit und Ausdruckskraft den Betrachter ergreifen. Hier ist erkennbar, wie Freiraumgestaltung und Architektur, die emotionale Wirkung zu entfachen vermag, verblüffende Gemeinsamkeiten mit den Regeln der Dichtkunst zeigt. Die geometrische Anordnung der Rebberge, Haselnuss- und Aprikosenplantagen geben der Landschaft eine Form und Struktur, die auch die Poesie kennt, um eine bestimmte Wirkung auszulösen. Die wiederkehrenden Dörfer auf den Gipfeln der Hügel, die sich schlängelnden Strassen durch Höhen und Tiefen und die mit der Landschaft fein abgestimmten Pastelltöne der Gebäude, sind wie die Verse eines Gedichtes, die mit Reim, Versmass und Kadenz Rhythmus und Harmonie erzeugen. Letztendlich ist es auch die ideale Mischung von menschlicher und natürlicher Ordnung, die einen lebendigen Eindruck mit besonderem Reiz erregt. Gebaute Landschaft kann wie ein Gedicht sein, wenn man sich nicht nur auf den Ingenieur fixiert, sondern sich auch auf den Poeten besinnt.
«La Piazza» für mehr Lebensgefühl
Was bei uns weitgehend fehlt, ist im Bel Paese von grosser Bedeutung: Der Stadtplatz, als Ort der Begegnung und Beobachtung, des Flanierens und des kulturellen Austausches. Es scheint, jedes kleinste Dorf verfüge über mehr als nur einen zentralen Platz. Virtuos spielten die Stadtplaner mit der räumlichen Enge und Weite. Einem dunklen «Vicolo» (enge, dunkle Gasse) entkommen, steht man unvermittelt auf einer «Piazza» mit einladender und offener Atmosphäre - angegliedert an bedeutenden Gebäuden wie Kirchen, Ratshäuser oder Denkmälern. Spannend ist die Beobachtung, dass die Bauten oft nicht parallel zur Piazza ausgerichtet sind. Ein planerisches Ausscheren, das in unseren Breitengraden Überwindung kostet, doch dem Platz eine zusätzliche Energie und Dynamik verleiht. Trotz grosser Leidenschaft der italienischen Damen für Stilettos, ist die Natursteinpflästerung an diesen Orten nicht wegzudenken. Asphalt ist da kein Thema.
Gebaute Landschaft kann wie ein Gedicht sein, wenn man sich nicht nur auf den Ingenieur fixiert, sondern sich auch auf den Poeten besinnt.
Lebendigkeit mit Naturstein
Der Naturstein ist als Bodenbelag häufig anzutreffen. Meistens wird der Porphyr aus dem nahe Trentino oder der Luserna Granit aus dem Piemont verwendet. Auch der Kopfsteinpflaster ist sehr beliebt. Dabei will man nicht, sich entweder für den einen oder den anderen Stein entscheiden. Gekonnt werden die Natursteintypen miteinander gemischt, ebenso wird mit unterschiedlichen Formaten gearbeitet. In Kombination mit Gebäudefassaden, Mauern und Torbögen aus tonigem Ziegelstein entstehen so warme und lebendige Freiräume aus erdigen Farbtönen, die mit der Landschaft verschmelzen. Die Materialwahl hinterlässt ein Gefühl der Demut vor der Geschichte des Ortes – dies auch ohne Kenntnis seiner Geschichte.
Nebst der emotionalen Wirkung werden mitunter funktionale Aspekte gelöst. So werden die beliebten Kopfsteinpflasterflächen mittig mit Fahrstreifen aus Granit durchbrochen, um die Rollgeräusche der Fahrzeuge zu minimieren und die Begehbarkeit örtlich zu erhöhen. Werden die Streifen seitlich gezogen, wirken sie multifunktional. Einerseits betonen sie die Gebäudelinie und haben gleichzeitig den Charakter eines Gehweges, anderseits können sie für breitere Fahrzeuge genutzt werden. Liegen sie erhöht, bestehend aus dem gleichen Tonziegel wie die Fassaden, verleihen sie dem Gebäude eine kräftige Note und schützen besser vor Regenwasserabfluss.
Die Oase hinter den Mauern
Fade Maschendrahtzäune mit preiswertem Gartentörli, die bei uns die Grundstücke und Eingänge zigfach markieren, sieht man in der Region «Le Langhe» kaum. Der Italiener ist stolzer. Hohe, abgestufte Mauern aus rotbraunen Tonziegeln oder schmideiserne Gartenzäune schaffen einen viel geschützteren, geborgeneren Bereich, als wir es bei uns kennen. «Il Portale», optimal in Szene gesetzt, macht den Eintritt in den Grünraum vollends zum Erlebnis. Dabei steht in den wenigsten Fällen eine noble Villa mit reichen Grundbesitzern dahinter. Der Garten wird im Verständnis des Bel Paese wohl unbewusst noch als Oase hinter den Mauern empfunden, so wie wir es auch in der Vorstellung der historischen Gärten kennen - im speziellen der Kloster- und Burggärten aus dem Mittelalter und den Gärten aus der Blütezeit der italienischen Renaissance.