Dachflächen lassen viel Freiraum für Kreativität. Ihr stellen sich aber nicht wenige technische Hürden in den Weg, welche Planenden und Ausführenden einiges an Fachwissen abverlangen.
Einem international tätigen Unternehmen war es ein Anliegen ihre neu bezogenen Büroräumlichkeiten in einem bestehenden Gebäude hochwertig einzurichten. Die Generalunternehmerin, eigentlich zuständig für den qualitativ hochstehenden Innenausbau, konnte den Konzern erfolgreich dazu bewegen, die Dachfläche in die Planung mit einzubeziehen. Die Bauherrschaft war bereit, für einen attraktiven Aussenraum einen ansehnlichen Betrag zusätzlich zu investieren. Die gartenaffine Generalunternehmung zog ein Landschaftsarchitekturbüro als Fachplaner bei, wobei ihr wegen des hohen Zeitdruckes nebst gestalterischen Aspekten auch die Beratung in Belangen der Bautechnik und Baukosten aus einer Hand wichtig waren.
Reiz und Fessel zugleich
Dächer sind für Landschaftsarchitektinnen und Landschaftsarchitekten dankbare Objekte, lassen sie doch der Kreativität freien Lauf. Meistens trifft der grüne Fachmann einen wenig gestalteten und kaum attraktiven Aussenraum an, deshalb darf der Bestand oft gänzlich einer neuen Idee weichen. Für die Bauherrschaft sind zudem Dachgestaltungen ein wenig bekanntes Feld und somit sind mehrheitlich keine fixen Vorstellungen zu berücksichtigen und letztendlich ist das Verständnis für hohe Kosten ohne viel Überzeugungsarbeit vorhanden, denn die Argumente für die erschwerte Logistik und für hochwertige Leichtmaterialien sind stichhaltig.
Die Fessel ist das Gewicht. Die grosse Herausforderung liegt darin, ein den Bedürfnissen und Vorstellungen gerechtes Projekt zu planen, ohne dabei die vom Ingenieur berechneten Nutzlasten zu überschreiten. Diese liegen für Dachterrassen üblicherweise bei niedrigen 300 - 400 kg/m2. Auch mit dem Einsatz von Leichtmaterialien haben Planende mit dieser Ausgangslage kein leichtes Spiel.
Die Ausgangslage
Kies und Beton breiteten sich auf dem Dach des sechsten Obergeschosses über eine Fläche von 300 m2 aus. Verlassene Tische und vergessene Sonnenschirmständer durchbrachen hier und da die gefühlte Leere. Doch so trostlos die Gestaltung der Dachfläche, so beeindruckend die Sicht auf die mittelalterliche Skyline der nahen Stadt und auf das fesselnde Schauspiel der wuchtigen Schiffe, die sich kraftvoll den Weg durch die trägen Wassermassen der Aare bahnen.
Der Konzern als neuer Mieter wünschte sich Raum für erholsames Zusammensein, für Anlässe und für Bocciaspiel. Schatten sollte nicht fehlen, denn im Sommer drohen Terrassen sich zu wahren Backöfen zu wandeln. Das Ganze sollte selbstverständlich in einem schönen gestalterischen Kontext verpackt und natürlich in äusserst knappem Zeithorizont ausgeführt werden. Nur, die Nutzungsvereinbarung betreffend Nutzlasten fehlte, und die Vermieterin nahm es mit der Eile nicht so ernst.
Tragfähigkeit und Dichtigkeit
Zeitdruck ist nicht selten Ursprung von Fehlern. Zugunsten eines fixierten Endtermins liegt die Versuchung nahe, auf zeitraubende Abklärungen zu verzichten. Gegen diese Nachlässigkeit müssen sich Landschaftsarchitekten und GaLabauer stemmen. Erstens ist der Baurückstand meistens nicht durch sie verschuldet und zweitens kann Oberflächlichkeit in der Planung und Ausführung für alle Seiten teuer zu stehen kommen. Deshalb platzierte der Landschaftsarchitekt auf schriftlichem Weg via Generalunternehmung, dass ohne Angaben der Nutzlasten kein „zuverlässiges“ Projekt erarbeitet werden könne und dieses ohne Überprüfung durch einen Ingenieur nicht gebaut werden dürfe. Weiter wurde die Bauherrschaft darauf aufmerksam gemacht, dass vor dem Neubau die freigelegte Decke auf ihre Dichtigkeit überprüft werden müsse. Die Kenntnis über Tragfähigkeit und Dichtigkeit von Decken gehören beim Planen und Bauen auf Dächern zu den wichtigsten Regeln. Sie sollten bereits sehr früh im Planungsprozess thematisiert werden.
Die Terrassengestaltung
Unter einem Baumdach soll der Erholung suchende Mitarbeiter seinen Blick über die Stadt und den Dachgarten schweifen lassen. Die durch schirmförmig gezogenen Platanen beschatteten Sitzgelegenheiten bilden mit den grossen Pflanzgefässen eine Einheit. Der frei auslaufende Belag greift in die Pflanzflächen hinein und mit seinen ausgefransten Rändern ergibt sich auf diese Weise ein spannendes Wechselspiel. Das schmale und längliche Format der Betonplatten vermittelt das Gefühl von Weite, indem es die Perspektive akzentuiert. Langgezogen ist auch das Wasserbecken. In Kombination mit Pflanztrögen grenzen diese Elemente die Lounge vom Spiel- und Partybereich ab, der mit einer Bocciabahn weiter und offener konzipiert wurde. Das Mobiliar ist hier verstellbar. Stahl, Holz und Beton als Gestaltungsmaterialien greifen die Atmosphäre des Industriegebietes auf.
Um in zwei bis drei Jahren ein schattenspendendes Blätterdach geniessen zu dürfen, musste das Wachstum der Bäume mittels gross dimensionierter Pflanztröge gefördert werden. Die Platanen wurden deshalb in Gefässen im Format L/B/H 200/200/70 cm gesetzt. Es ist beeindruckend welches Gewicht zusammenkommt, auch wenn die Gefässe mit Leichtmaterialien aufgefüllt werden. Denn Vorsicht, für die Berechnungen gilt das Gewicht der Schüttgüter im nassen Zustand. So ergibt bei einem Aufbau mit 20 cm Misapor à 190 kg/m3 (nass), 10 cm Blähton à 590 kg/m3 (nass), 40 cm Intensivsubstrat à 1‘170 kg/m3 (nass), mit einem Baum und dem Metalltrog à je 300-400 kg ein Gesamtgewicht pro gefülltem Gefäss von rund 3‘000 kg oder 750 kg/m2. Das entspricht dem doppelten der üblich geplanten Nutzlasten auf Betondecken. Glücklicherweise waren in diesem Projekt die Decken für noch höhere Gewichte ausgelegt, da angedacht war, das Gebäude zu einem späteren Zeitpunkt eventuell weiter aufzustocken. Der Ingenieur gab für die Ausführung grünes Licht.
Der Bauablauf
Der Pneukran und das Pumpfahrzeug sind für Gartenbauarbeiten auf Dächern die wichtigsten Maschinen. Bis auf die Dachhaut wurde rückgebaut, die alten Platten palettisiert und abgeführt, die Fundations- und Vegetationsschichten liessen sich gut im Saugverfahren abtragen. Vorsicht ist beim Entfernen von Wurzelstöcken geboten. Nach der Dichtigkeitsprüfung der Decke durch Einwässern wurde auf die Dachhaut eine Schutz- und Drainagematte verlegt. Es empfiehlt sich, darunter zusätzlich ein dickes Vlies einzuplanen, denn weil Vliese nicht starr sind wie Drainagematten, lassen sich damit Ecken, Kanten und Übergänge besser abdecken. Bei der Materialanlieferung ist auf eine regelmässige Lastverteilung zu achten. Paletten und Big Bags sollen nur zur Hälfte belegt bzw. gefüllt sein. Auf gar keinen Fall darf nur an einem Ort gelagert werden, zu hoch wäre die Punktlast.
Auf den Luxus einer automatischen Bewässerungsanlage will kaum noch jemand verzichten und auch eine angenehme Beleuchtung sorgt am Abend für behagliche Atmosphäre. So übernehmen unterirdische Leitungen das Funktionieren vieler Wünsche. Dabei sollte nicht vergessen werden, sämtliche Metallelemente wie Wasserbecken, Pflanztröge, Unterkonstruktionen der Sitzgelegenheiten und Randeinfassungen aus Sicherheitsüberlegungen an die Blitzableitung anzuschliessen.
Auf kleinem Raum arbeiteten Dachabdichter, Gärtner, Schlosser, Zimmermann Bewässerungsbauer und Elektriker. Die Koordination der verschiedenen Gewerke, der Einsatz von Pneukran und Pumpfahrzeug zum richtigen Zeitpunkt der Materialanlieferung, die Notwendigkeit eines breiten Fachwissens, um nichts zu vergessen und Fehler zu vermeiden, machen die Planung und den Bau von Dachgärten herausfordernd aber auch spannend und letztendlich lohnenswert, denn am Ende lässt Eden grüssen.