Menarvis Landschaftsarchitektur Basel
Unsere Grünräume

Quo vadis - horticulane ?

|   Landschaft und Gesellschaft

Die 10-Millionen-Schweiz rückt näher. In unseren Ballungszentren leben bereits 70% der Menschen. Durch den steten Bevölkerungsdruck verändern sich unsere Lebensräume unaufhaltsam.

Die 10-Millionen-Schweiz rückt näher. In unseren Ballungszentren leben bereits 70% der Menschen. Durch den steten Bevölkerungsdruck verändern sich unsere Lebensräume unaufhaltsam.

Getrieben von Tiefzinspolitik und Personenfreizügigkeit erlebt die Schweiz seit einigen Jahren einen Bauboom. Alle 2 Stunden wird die Fläche eines Fussballfeldes zubetoniert. Jährlich verschwinden 2'700 Hektaren fruchtbarer Boden. Die Grenzen zwischen Stadt und Land verschwimmen. Die Zersiedelung ist längst Tatsache.

Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, wird das Wachstum der Siedlungen nach innen gerichtet. Auf diese Art verkleinern sich unsere grünen Freiräume zusehends. Was bedeuten diese Veränderungen für die Zukunft unseres Berufsstandes als Gartenbauer?

Im Zwiespalt

Wie ein Arzt für seine Patienten, stellt sich der Gärtner in den Dienst der Natur. Er braucht jedoch ein Mass an „Zerstörung“ um seine gebändigte Natur – einen Garten – zu erschaffen. Nimmt die Zerstörung Überhand, kippt die emotionale Wahrnehmung. Manch leidenschaftlicher Gärtner wird die rasante Bautätigkeit mit gemischten Gefühlen aufnehmen. Sein zwiespältiges Verhältnis dazu, liegt im Umstand, dass er reiche Bauinvestitionen braucht, um sein wirtschaftliches Überleben zu sichern. Gleichzeitig bedauert er diese, da er die Natur bestmöglichst erhalten möchte.

Von der Zersiedelung zur Verdichtung

Wie kein anderer Faktor hat die Siedlungsentwicklung in den letzten 50 Jahren die Landschaft verändert. Und sie tut es weiter! Immer noch werden Bauzonen ausgeschieden. Landwirt-schaftlich genutzter Boden wird zu Baugebiet erklärt. Einst ländliche Dörfer verstädtern. Städte und Agglomerationen wachsen zügellos. Siedlungen fransen aus. Mit der Zersiedelung verliert die Landschaft ihre Natur- und Kulturwerte – und der Mensch seine Wurzeln.

Jahrzehntelang haben Siedlungsplaner, Architekten und Politiker unter dem Leitbild der aufgelockerten Stadt die Zersiedelung unterstützt. Den ungebremsten Landverbrauch können wir uns jedoch nicht mehr leisten, meint auch Vittorio Magnano Lampugnani, Architekt und Professor für Geschichte des Städtebaus an der ETH Zürich. Gleichzeitig gilt es, nicht in eine Verdichtungseuphorie zu verfallen, wie er im Interview mit der Zeitschrift „wohnen“ 05/2012 ergänzt. 

Tatsächlich scheint das Pendel heute mit voller Wucht in die andere Richtung auszuschlagen. Der Begriff „Verdichtung“ ist in aller Munde. Mit dem Raumkonzept Schweiz (www.raumkonzept-schweiz.ch) und der Revision des Raumplanungsgesetztes (RPG) erhalten die Protagonisten dieser Siedlungspolitik Schützenhilfe auf Bundesebene. Grundgedanke ist, das Wachstum der Siedlungen nach innen zu richten, um natürliche Ressourcen zu schützen.

„Verdichtet bauen“: ein Allheilmittel?

Revisionen kantonaler Baugesetze und Bauverordnungen auf Gemeindestufe bilden die Grundlage für das verdichtete bauen. Konkret werden Zonenplanänderungen vorgenommen, wobei die erlaubte Geschosszahl von beispielsweise W2 auf W3 erhöht wird. Durch die Anpassung der Ausnutzungs- und Bebauungsziffer nach oben, können Überbauungen mit höherem Nutzungsgrad entstehen. 

Die Vorteile der „Verdichtung“ liegen auf der Hand: Der Bodenverbrauch nimmt ab. Auf der gleichen Parzelle finden mehr Menschen Wohnraum und es kann bestehende Infrastruktur benutzt werden. Landwirtschaftsland wird besser geschützt, der Druck auf intakte Landstriche verringert sich. 

Die negativen Folgen dürfen nicht ausgeblendet werden. Ihnen wird in der heutigen Diskussion wenig Beachtung geschenkt: 1950 zählte die Schweiz 4.7 Millionen Einwohner, heute deren 8 Millionen. Sämtliche Prognosen deuten auf weiteres Bevölkerungswachstum hin. Die 10-Millionen-Schweiz ist nicht mehr Szenario, sondern wird zunehmend Realität. Menschen werden näher zusammenrücken müssen. Unter dieser Prämisse bedeutet „verdichtet bauen“ nichts anderes als der Verlust oder die markante Verkleinerung grüner Freiräume im Siedlungsgebiet. Damit verbunden ist eine schleichende Erosion der Privatspähre und Wohnlichkeit. Diese Entwicklung gilt es als Gartenbauer mit Argusaugen zu verfolgen. Sie wird unser Berufsbild und unsere Unternehmensstrategie von morgen bestimmen.

Was heute schon spürbar ist

Eine beispiellose Tiefzinspolitik trotz Wirtschaftswachstum, eine konstant hohe Einwanderung dank der Standortattraktivität der Schweiz, exorbitante Preise für Bauland und Anpassungen der Bauverordnungen bilden den Nährboden für die Bautätigkeit wie wir sie zur Zeit haben. Beim Wegfall nur einer der aufgezählten Faktoren würde sich der Markt verlangsamen. Noch ist es nicht so weit. 

Die Verdichtung nähert sich aus verschiedenen Richtungen:

Unsere (Gross)eltern besassen weit grössere Gärten als wir heute. Oft bleibt nach deren Ableben das Haus mit Umschwung nicht in der Familie. Wegen massiv gestiegener Baulandpreise rechtfertigt sich eine Investition nur, wenn die Parzelle voll ausgenutzt werden kann. Kleine Häuser mit grossen Gärten weichen grossen Häusern mit kleinen Gärten. Der Verlust grosser Villengärten, auf denen dichte Wohnüberbauungen entstehen, gehört wohl zu den schmerzhaftesten Veränderungen grüner Siedlungs(t)räume.

Viele Blocküberbauungen der 60er und 70er Jahre zeichnen sich durch grosszügige Grünflächen aus. Oft modelliert und mit mächtigen Bäumen bestückt, wurden sie für die Verdichtung entdeckt. Solche Parzellen erfahren nicht selten eine signifikante Erhöhung der bestehenden Wohnfläche. Die üppige Vegetation kann danach nicht 1:1 ersetzt werden. Das gleiche Phänomen lässt sich auch bei Sanierungen von Garagendecken beobachten.

Bei neu überbauten Grundstücken wird meist so dicht gebaut, dass für mehr als minimal vorgesehene Sitzplätze, Rasenflächen und Zugangswege kaum noch Platz vorhanden ist.

Das Resultat ist bei allen Beispielen dasselbe. Grüne Siedlungsfreiräume verkleinern sich massiv. Auf diesen gedeiht eine „verminiaturisierte“ Ersatzpflanzung – mehr ist oft nicht erwünscht. Die Zugänglichkeit wird erschwert. Interessenskonflikte verviel-fachen sich. Was bedeutet dieser Wandel für den Gartenbau?

Der Gartenbauer von morgen: ein Szenario

In den letzten Jahren mangelte es nicht an Grossprojekten. Diese Entwicklung wird kaum nachhaltig sein. Es wäre vermessen, zu glauben, dass im Zuge des Wandels in der Siedlungspolitik, das Bild des Gärtners sich nicht verändern wird. Auch der Landwirt ist nicht mehr nur Produzent von Nahrungsmitteln, sondern vermehrt Unternehmer. Er übernimmt heute auch Aufgaben zur Erhaltung und Förderung der Vielfalt in der Landschaft. Wie wird es beim Gärtner aussehen?

Sich die Landschaft in den Garten zu holen ist nicht opportun. Der Platz fehlt. Es ist dicht verbaut. Es ist eng. Die Grenzen zwischen Aussen und Innen sind verschwommen. Der Wohnraum wird nach aussen extrapoliert. Er soll nur ausgestattet werden. Extensiv und pflegeleicht. Wenn intensiv, höchstens mit Trögen und kleinkronigen Bäumen. Dazu brauchts einen Garten“möblierer“ keinen Garten“bauer“. Der Gartenmöblierer hat keine grossen Bagger und Dumper. Nur noch kleine, wendige, leistungsfähige Maschinen. Mobile Kräne und Teleskoplader kommen oft zum Einsatz. Kräftige, ausdauernde junge Männer sind gefragt. Handarbeit ist wichtiger als je zuvor. Denn die verbleibenden, grünen Freiräume entstehen auf Dächern, Terrassen, in Innen- und Hinterhöfen, hinter Mauern oder auf schlecht belastbaren Garagendecken. Jene Gartenmöblierer, die es verstehen, individuelle und intelligente Lösungen zu finden, um Wohnlichkeit und Privatsphäre zu erzeugen, behaupten sich am Markt gut. Sonst ist der Wettbewerb enorm. Die Gärten sind klein, wenig bepflanzt und einfach gehalten. Diese Aufgabe können ebenso Gartencenter, Hauswartungsfirmen Flachdächler oder Tiefbauer übernehmen. Psychologie, Marketing, Rhetorik, Rechtswissen und Organisations-kompetenzen sind wichtiger als profunde Fachkenntnisse. Der Gang zum Gärtner drängt sich nicht mehr auf!

So könnte ein Szenario in 10 oder 20 Jahren aussehen. Vor allem in den von Think Thanks konzipierten Ballungszentren bahnt sich für Gartenbaubetriebe ein grösserer Wandel an.

 

Die andere Art der Zersiedelung

Der Landschaftsschutz bleibt herausfordernd. „Saubere“ Energie scheint gleichzeitig Fluch und Segen zu werden. Die eingeleitete Energiewende verlangt enorme Investitionen in deren Infrastruktur. Von Sonne, Wind und Wasser geprägte Landschaften sind für Grossprojekte interessant. Charakteristische Regionen wie Jurahöhen, Alpengipfel, Sonnenterrassen und Wildwassergebiete wecken Begehrlichkeiten. Am Umweltgipfel in Rio macht Doris Leuthard auf das Potential von Bergregionen aufmerksam. Mitten auf dem Feld bei Inwil LU plant die CKW ein Solarkraftwerk. Mit 15 ha soll es das grösste in der Schweiz werden (www.baublatt.ch/ckw). Auf dem Chall BL will die IWB einen Windpark mit 9 Turbinen à je 140 m Höhe bauen. Sie wären von weither sichtbar (www.wind-still.ch).

Die neue Energiepolitik ist unter Zugzwang. Sie muss ihre Ziele nach dem beschlossenen Atomausstieg fristgerecht erreichen. Sonst droht eine Stromlücke. Gesetzliche Einschränkungen der Beschwerde-möglichkeiten gegen Projekte mitten in der Natur könnten folgen.