Unter dem Motto „Schöne Aussichten“ wurden am diesjährigen Rapperswiler Tag Ende März die zukünftigen Herausforderungen für Landschaftsfachleute thematisiert. Dabei standen die Schlagworte Engagement, Verantwortung und Relevanz im Vordergrund.
„Die Befürworter betrachten den Rapperswiler-Tag als Netzwerk engagierter Fachleute, seine Kritiker disqualifizieren ihn als Ehemaligen-Treff. Ich meine, der Rappi-Tag genügt nicht mehr!“ Mit diesen einleitenden Worten eröffnete Pascal Gysin, Präsident des Bundes Schweizer Landschaftsarchitekten BSLA die Veranstaltung. In die gleiche Kerbe schlug Dominik Siegrist, Institutleiter ILF. „Es reden alle über die Landschaft: Politiker, Architekten, Künstler und wo bleiben die Landschaftsarchitekten?
Tatsächlich zeigen die aktuellen Diskussionen um Siedlungsverdichtung, nachhaltige Energieproduktion, Schutz vor Naturgefahren und die jüngsten Entscheide an der Urne, dass das Thema Landschaft in der Schweiz an gesellschaftlicher Relevanz gewonnen hat. Daraus resultiert ein politischer Auftrag, sich intensiver um die Landschaft zu kümmern. Indessen, wer nimmt diesen Auftrag entgegen? Es braucht Landschaftsfachleute, die mit ihrer Urteilskraft und Kreativität gewillt sind, auch gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen, sich in die aktuellen Diskurse einmischen, Positionen beziehen und innovative Lösungen vorschlagen. Der diesjährige Rapperswiler Tag wollte für die Frage, wie die Profession mehr Bedeutung erlangen könne und was es für die sich abzeichnenden Herausforderungen bedarf, Plattform für neue Ideen sein. Doch so erfrischend angriffig die Begrüssung und vielversprechend der Flyer, so zahm und wenig visionär gestalteten sich über weite Strecken die Inhalte der Veranstaltung. Nachfolgend ein Destillat der interessantesten themenbezogenen Vorträge und Voten.
Der politische Landschaftsarchitekt
Stefan Kurath, Professor für Architektur und Städtebau am Institut Urban Landscape in Winterthur fordert in seinem Vortrag die Landschaftsarchitekten dazu auf, sich politisch zu engagieren und am gesellschaftlichen Aushandlungsprozess teilzunehmen. Für seine Vision der politischen Landschaftsarchitektur formuliert er neun Programmpunkte:
Wartet nicht bis andere etwas tun!
Kümmert Euch nicht nur um die Landschaft! Mischt Euch in alles ein!
Setzt Mittel und Wege des normalen Menschenverstandes ein!
Sucht Euch Verbündete, um anstehende Aufgabenstellungen anzugehen!
Arbeitet an der kulturellen Erweiterung eines Ist-Zustandes!
Gebt Unterscheidungsblindheiten wie hier Stadt, da Land auf!
Arbeitet originell und experimentell!
Verknüpft die Realitäten mit ihren politischen Dimensionen!
Seid Euch bewusst: Politische Landschaftsarchitektur bleibt immer riskant!
Seine Vision der politischen Landschaftsarchitektur resultiert aus einer fundierten Analyse der baulichen Vergangenheit. Stefan Kurath meint, dass die Kritik der letzten 60 Jahre wenig bewirkt hat. Denn nach wie vor wird der Umstand einer chaotischen und fragmentierten Raumwirklichkeit beanstandet (siehe auch Heft 12/2014, Die Anbauschlacht). Die Frage ist deshalb berechtigt, weshalb trotz Raumplaner, Architekten und Landschaftsarchitekten insbesondere im Siedlungsgebiet eine derartige, heimatlose Landschaft entstehen konnte.
Die Antwort folgte auf den Schritt. Die guten Absichten der Zonenpläne würden unterspült. In der Realität erweise sich die Stadtlandschaft als das Resultat gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. Nach Meinung des Referenten heisst das, dass bei Projekten unterschiedliche Akteure mit eigenen, teils kontroversen Interessen Allianzen bilden würden. Um die Realisierungschancen eines Vorhabens zu erhöhen, würden auf allen Seiten Kompromisse ausgehandelt. „An diesem Aushandlungsprozess nehmen wir Landschaftsarchitekten nicht - und wenn, dann nur am Rande teil“, kritisiert Stefan Kurath. Somit finden unsere Wertvorstellungen und Inhalte kaum Eingang. Um die Ziele der Landschaftsarchitektur besser durchzusetzen, sei es notwendig die Büros zu verlassen, nicht nur Entwerfer sondern auch Verfechter und Begleiter unserer Ideen zu werden.
Landschaftsarchitektur zwischen Über-zeugungszwang und Begründungsnot
Angesprochen auf den Vortrag von Stefan Kurath bezweifelte Wulf Tessin, dass es den politischen Landschaftsarchitekten überhaupt geben könne. Der ehemalige Professor für Planungsbezogene Soziologie an der Leibnitz Universität Hannover meint, dass man in der Politik schnell in eine Ebene des Mauschelns und Abwägens gerate. „Die gesellschaftliche Auseinandersetzung ist nicht sehr das Ding der Landschaftsarchitekten. Raus zu gehen, sich unter die Leute zu mischen, ist ein hartes Stück Arbeit“, meint er. Dafür müsse der Landschaftsarchitekt seine Frustrationstoleranz entwickeln und die Diskussionsführung schulen. „Die Hoffnung, dass alleine der fachlich gute Entwurf überzeugt, ist irrig und naiv“, ruft Wulf Tessin dem Publikum ins Gewissen.
In seinem Vortrag zeichnete der Referent denn auch ein anderes Bild des Berufsstandes der Architekten. Ihren Zwang überzeugen zu wollen und die Not ihre Projekte begründen zu müssen, wusste er mit viel Schalk aber mit hohem Wahrheitsgehalt zu vermitteln: „Der ästhetische Erstschlag erfolgt mit der Plangraphik. Hauptsache die Pläne erscheinen schöner als die gebaute Realität“, führte der Professor aus.
Mit vollmundiger Entwurfslyrik lasse sich ebenfalls leicht überzeugen. Der Dorfplatz werde zur Piazza und mit dem Park des 21. Jahrhunderts gewinne die Projektidee an Brisanz und mache sich unantastbar gegen banale Einwände.
Die Not nicht argumentieren zu wollen, mache erfinderisch. So versuchen Planende mit Charisma zu beeindrucken. Meist schwarz gekleidet, eilig und vielbeschäftigt, erhoffe sich die Gilde der Architekten, dass die Menschen ohne viel Überzeugungsarbeit der charismatischen Heldenfigur Folge leisten. Wenn nicht – dann holen wir mit dem Kunstanspruch zum Befreiungsschlag aus. Denn Kunst müsse sich nicht rechtfertigen, sie müsse nicht einmal gefallen.
„Und im Übrigen darf man getrost auf das Meinungskartell der Branche vertrauen. Dieses lässt so oder so zum jeweiligen Zeitpunkt nur eine Stilrichtung gelten. Mit einem restriktiven architektonischen Modeangebot lassen sich viele Diskussionen ersparen“, schliesst Wulf Tessin seine Ausführungen.
Urbanes Gärtnern an der Kalkbreite
Gute Aussichten – im Sinne des Tagungsthemas – präsentierte Sabine Wolf, Landschaftsarchitektin BSLA und Chefredakteurin des anthos. Anhand des Projektes der Genossenschaftsüberbauung Kalkbreite in Zürichs Zentrum zeigte sie auf, wie bei einer engen Verzahnung verschiedener Disziplinen komplexe Herausforderungen zukunftsfähig gemeistert werden können. Eine zentrale Rolle spielte dabei, dass die Gestaltung durch die Bewohner erfolgte, die Planer hatten unterstützende Funktion. Mit Umfragen, Workshops und Arbeitsgruppen beteiligte sich die Genossenschaft an der Lösung gestalterischer Fragen. Auf diese Weise konnte sie gemeinsam mit den Landschaftsarchitekten einen Aussenraum entwickeln, der den konkreten Bedürfnissen und Wünschen der Bewohnerschaft entspricht. Zu Gunsten eines weitläufigen, quartieröffentlichen Hofes wurde weitgehend auf Privatgärten verzichtet.
Der Vortrag zeigte beispielhaft, wie durch das Miteinander von Architektur, Landschaftsarchitektur, Bewohnerschaft und Stadtentwicklung innovative Projekte entstehen können. Daraus erwachsen nicht selten neue Wohn- Arbeits- und Kulturideen, welche sich mit der Zeit möglicherweise in einen grösseren gesellschaftlichen Kontext einbetten lassen.
Die Zukunft am Ende der Bedürfnisse
Philosophisch und nicht leicht zu verstehen, waren die Voten von Peter Latz, emeritierter Professor für Landschaftsarchitektur und Stadtplanung. Es lohnt sich aber, seine Gedanken näher zu beleuchten.
Er unterteilt das Verhalten der Gesellschaft in vier Phasen. Die erste Phase der Not geht über die Phase des Bedürfnisses und dann des Angebotes in die letzte Phase des Überflusses über. Peter Latz zeigte sich der Überzeugung, dass wir uns nach langer Zeit des Überflusses wieder am Anfang des Zyklusses befinden – nämlich in der Phase der (psychischen) Not. Urban Gardening, die Flucht in den Bio-Trend oder der Wunsch Dinge wieder selber machen zu wollen, sind Hinweise, die seine These unterstützen.
Scharfsinnig entdeckt er für Landschaftsfachleute ein neues Betätigungsfeld: die Humanisierung der Infrastruktur. Der Referent meint, dass die Ingenieure zwar perfekte Systeme bspw. für Transport und Verkehr geschaffen haben, diese aber in nicht mehr zumutbarem Mass Landschaft und Städte fragmentieren und mit Mensch-Sein nichts mehr zu tun haben. Zu leisten, sei nicht die funktionale Perfektion. Mit anderen Worten, wir sollten wieder vermehrt unsere technische Umwelt an die naturgegebenen, menschlichen Bedürfnisse anpassen.
Schlussbemerkungen
Angesichts des enormen Drucks, welcher sich die Landschaft ausgesetzt sieht und in Anbetracht dessen, welche Herausforderungen daraus für die Gesellschaft entstehen, blieben viele Aufgabenbereiche am Rapperswiler Tag unangesprochen.
Die Energiewende und ihre Auswirkungen auf die Landschaft waren ebenso wenig Thema, wie Gedanken darüber wie sich die Landschaftsarchitektur/-planung diesbezüglich positionieren sollte, um ihre Werte einzubringen.
Niemand sprach den Verlust grüner Freiräume durch die Siedlungsverdichtung an, und wie die grüne Branche dieses Geschäftsfeld kompensieren möchte.
Kein Referent nahm sich der zunehmenden Lärmbelastung an und präsentierte Ideen, wie Landschaftsarchitekten gemeinsam mit Raumplaner Klangraumgestaltung statt Lärmbekämpfung forcieren könnten.
Die Gestaltung der Landschaft zum Schutz vor Naturgefahren, und das Vorstellen von Konzepten über eine mögliche Zusammenarbeit mit der Versicherungsbranche – die den Klimawandel ebenfalls mit Argusaugen verfolgt – fanden am Rappi-Tag auch keinen Platz.
Die kurze, nicht abschliessende Aufzählung zeigt das gewaltige Potential unserer Profession auf – wahrlich schöne Aussichten! Ohne gemeinsame Strategieplanung, ohne Massnahmenkatalog, beziehungsweise ohne „Road Map“ werden wir die Zukunft unserer Landschaft kaum nach unseren Wertvorstellungen beeinflussen können. Die Zeit das belächelte Image der Landschaftsarchitektur abzuschütteln ist reif – die Zeit drängt!