Kaum zu glauben, dass an der Flanke der pulsierenden Wirtschaftsmetropole Lugano ein Flecken Erde sich behauptet, der die Gemächlichkeit sein Eigen nennt. Die kleingekammerte Landschaft des Malcantone breitet sich zwischen dem Lago di Lugano und dem Monte Lema auf einer Fläche von 76 Quadratkilometern aus. Über sanfte Hügel erstreckt sie sich bis auf eine Höhe von über 1600 Metern. Mit ihren vielen raumgliedernden Landschaftselementen, ihrer üppigen Vegetation, mit ihren verspielten Bergbächen und malerischen Dörfern wirkt sie wie eine abwechslungsreiche Parklandschaft. Sie zu erkunden, erweckt des Wanderers Lust.
Ausgangspunkt Miglieglia
Vor Ponte Tresa zweigt eine Landstrasse ab, die in weiten Teilen unter einem Tunnel dichter Kastanienkronen sich von Dorf zu Dorf schlängelt. In Miglieglia angekommen, begrüsst die Casa Santo Stefano ihre Hotelgäste mit provinziellem Charme. Aus Stein und Holz gebaut, berankt mit einem Geflecht wilder Kletterpflanzen, ist dieses alte Haus, inmitten schmaler Gassen, die passende Bleibe für jeden Naturfreund. Von hier schwenkt der Blick an den breiten Rücken des Monte Lema. Was er bietet erfährt nur jener, der ihn bezwingt. Entweder auf die sanfte Weise mit der Gondel oder auf die harte Tour zu Fuss – mit einem Umweg über Astano. Mit zunehmender Höhe lösen lichte Buchen- dann Eichenwälder die dunklen Kastanienwaldungen ab. Wenn kaum noch ein Baum wächst und nur noch die Birke mit ihren kleinen Blättern und ihrer schwarz-weiss gesprenkelten Rinde als gedrungenes Gestrüpp dem rauen Klima strotzt, ist die Belohnung nicht mehr fern.
Auf dem Monte Lema
Was sich auf dem Gipfel dem Auge eröffnet, sucht Seinesgleichen. Es ist ein Kunstwerk - ein atemberaubendes Panorama in alle Himmelsrichtungen! Im Norden schweift der Blick über den Lago Maggiore bis ins Centovalli, ins Maggia- und Verzascatal, sowie nach Locarno und Bellinzona. Auf der anderen Seite des Bergkamms liegt der Lago di Lugano zu Füssen, an seinen Ufern die Stadt Lugano und die Collina d’Oro. Am Horizont erstreckt sich der Alpenbogen mit den Gipfeln des Monte Rosa und des Matterhorns. Ein Gratweg verbindet den Monte Lema mit dem Monte Tamaro. So lässt sich wandernd diese grandiose Rundsicht während Stunden geniessen. Auf der Alpe Foppa nimmt die Gondelbahn den müden Wanderer auf und führt ihn nach Riviera. Wem die 4 1/2-stündige Höhentour zu viel ist, darf bereits früher zum Abstieg blasen. Über mageres Wiesland führt der Wanderweg talwärts – an schiefen Trockensteinmauern und einsamen Rusticos vorbei. Auf solchen Streifzügen begegnet einem im Juni kaum eine Menschenseele. Umso mehr wird der Adlerfarn zum vertrauten Begleiter. Die wenig unterhaltenen und schwach bestossenen Weiden an den Hängen des Monte Lema hat unser grösster einheimischer Farn – er wird bis zu 3 Meter hoch – fest im Griff. Vom Vieh wird er gemieden, denn all seine Pflanzenteile sind stark giftig. Das ist mit ein Grund, weshalb der Adlerfarn eindrücklich weite Flächen in einen hellgrünen Teppich zu verwandeln vermag. Mit seinen gefiederten Blattwedel zaubert er in Kombination mit dunkler und gefurchter Kastanienrinde spannende Form- und Farbbilder.
Bergdörfer und Kastanienhaine
Breno rückt ins Blickfeld des Wanderers. Wie ein Adlerhorst sitzt dieses Dörfchen stolz und unerschrocken auf einem Geländevorsprung. Von weither sichtbar steht es wie ein Wahrzeichen für diese einmalige Kulturlandschaft. Keck reckt auch die Chiesa San Lorenzo ihren Kirchturm gen Himmel. Von weither hörbar, mahnt der Klang der Glocken die Menschen an ihre Ruhe- und ihre Arbeitszeit. Wie anno dazumal zwängen sich gepflasterte Gassen zwischen steinernen Häusern. Aus einem Atrium plätschert Brunnenwasser. Im Schatten knurrt ein Hund ein müdes „dolce far niente“. Und da! Es scheint, es liege ein Duft gerösteter Marroni in der Luft. Denn mit dieser Kulisse, bedarf es wahrlich keiner grossen Phantasie sich die Bewohner vor 200 Jahren bei der herbstlichen Kastanienernte vorzustellen. Geerntet wurde ausserhalb des Dorfes, in den Kastanienhainen. Die sogenannte Selve war die Nutzungsform, wie Castanea sativa kultiviert wurde. Dabei handelt es sich um einen lichten Wald mit parkähnlicher, lockerer Bestockung aus grosskronigen Kastanienbäumen. Darunter wuchs eine durchgehend geschlossene Kraut- oder Grasschicht. Diese Form des Bewirtschaftens ermöglichte drei verschiedene Nutzungen, die sich ideal ergänzten. Im Vordergrund stand die Fruchtproduktion, in zweiter Linie die Unternutzung durch Mahd oder Beweidung. Letztendlich lieferte die Selve wertvolles Holz. Das „jus plantandi“ gab dem Tessiner Kastanienbauer das Recht, auf der Allmend seine eigenen Bäume zu pflanzen, zu pflegen und zu ernten. Diese waren dann mit einer Nummer gekennzeichnet. Durch die Einführung neuer Agrarprodukte, wie die Kartoffel oder der Mais, verlor der Kastanienhain an Bedeutung und verbuschte zusehends. Das Alto Malcantone, welches sich als Land der Kastanie rühmt, hat viel in die Restauration ihrer Selven investiert. Zum Glück! Denn heute führt ein Kastanienrundweg durch eine idyllische Parklandschaft, bestückt mit knorrigen Kastanienbäumen. Der sentiero del castagno gibt wertvolle Einblicke in diese einstige Kulturform und streift die charakteristischen Bergdörfer Fescoggia, Vezio, Mugena und Arosio.
Zum Ausklang des Tages
Die Badehosen dürfen im Rucksack nicht fehlen. Denn die Tage können heiss und drückend werden und das rauschende Wasser der Magliasina verspricht eine frische Abkühlung. Dieser Bergbach bietet ein Schauspiel der besonderen Art. Die ruppigen Gravitationskräfte haben hier ein künstlerisches Schaffen entfaltet, das immer wieder zum Innehalten zwingt. Jeder Stein scheint bewusst gesetzt. In einem malerischen Chaos zehntausender Findlinge sucht sich das Wasser den Weg ins Tal. An überhängenden Moosen träufelt es in feinen Fäden in die Tiefe und bildet wie Harfen anmutende, kleine Wasserfälle. Den Höhepunkt bilden die beiden, abgestuften Naturbecken, gespiesen von einer meterhohen Kaskade. Ein Bad an diesem Ort erfüllt mit Kraft, aber auch mit Ehrfurcht.
Nach einem typischen Abendbrot mit risotto al vino rosso im Grotto Rossi in der Zona Ronco in Castelrotto lässt der Tag daran erinnern, welche Sorge wir der Schönheit unserer Landschaft und Kultur entgegenbringen müssen, damit diese uns noch lange verzaubern und unvergessliche Momente der Erholung schenken mögen.