Menarvis Landschaftsarchitektur Basel
Unsere Grünräume

Wissenschaftlich belegt – Grünräume fördern die Gesundheit

|   Landschaft und Gesellschaft

Intuitiv erahnten wir es: Intakte grüne Freiräume inner- und ausserhalb der Siedlungen sind für das physische und psychische Wohlbefinden von grosser Bedeutung. Was wir fühlen, ist aber auch wissenschaftlich belegt.

Intuitiv erahnten wir es: Intakte grüne Freiräume inner- und ausserhalb der Siedlungen sind für das physische und psychische Wohlbefinden von grosser Bedeutung. Was wir fühlen, ist aber auch wissenschaftlich belegt.

Die Menschheitsgeschichte kennt seit Jahrhunderten den Zusammenhang zwischen Landschaft und Gesundheit. Zahlreiche Redewendungen wie das „gesunde Landleben“ oder die „frische Bergluft“ weisen auf diese Verbindung hin. Obwohl die Menschen Landschaft und Gesundheit historisch betrachtet eng miteinander verbunden haben, wurde dieser Zusammenhang kaum untersucht. Vor dem Hintergrund, dass wissenschaftliche Beläge weitgehend fehlen, lancierte die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL) mit den Ärztinnen und Ärzten für Umweltschutz bereits 2005 die Aktion „Paysage à votre santé“. Zum Projekt gehört auch eine wissenschaftliche Literaturrecherche vom Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern aus dem Jahr 2007. Damit das Potential der Landschaft als gesundheitsfördernde Ressource ausgeschöpft werden kann, muss bekannt sein, wie Landschaft das physische, psychische und soziale Wohlbefinden beeinflusst. Der nachfolgende Bericht destilliert, die für unsere Branche relevanten Ergebnisse.

Brachliegendes Potential

Gemäss Definition der Weltgesundheits-organisation (WHO) ist Gesundheit ein Zustand des kompletten physischen und psychischen Wohlbefindens. Mit anderen Worten ist Gesundheit mehr, als nur die Absenz von Krankheit.

Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky (1923-1994) entwickelte ein für die Grüne Branche interessantes Modell. Er fragte, was den Menschen gesund macht und was ihn gesund hält und nicht bloss, was ihn krank macht. So begründete er die Salutogenese. Bis dahin legte die Forschung den Fokus auf die Pathogenese, welche die Entstehung und Vermeidung von Krankheit untersucht. Der Denkansatz von Antonovsky sollte Landschaftsarchitekten und Gärtner nicht unberührt lassen. Die Frage, welche Faktoren und Eigenschaften die Salutogenese beeinflussen, lässt naturnahe Freiräume und ihre Wirkung auf die Gesundheit in anderem Licht erscheinen. Denn die Empfindungen, welche Grünräume bei uns auslösen, lassen sich mit dem menschlichen Ur-Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung erklären. Nur wenn die Gestaltung von Grünräumen auf menschliche Grundbedürfnisse Bezug nimmt, kann mit Raumplanung und Landschaftsarchitektur aktiv Gesundheitsförderung betrieben werden. Der Aufenthalt in der Natur und bereits das Betrachten von Naturbildern aktivieren den Parasympathicus als Teil des vegetativen Nervensystems und bringen den Menschen in einen Ruhezustand, was positive Auswirkungen auf seine Organe hat. Diese im Prinzip einfache Herleitung eröffnet ein immenses Potential in der Primärprävention etlicher Zivilisationskrankheiten, welches im allgemeinen Rausch nach „Neuem und Besserem“ untergeht.

Stadtgrün erhöht die Zufriedenheit und kann Kriminalität dämpfen

Die schwärmerischen Erzählungen älterer Menschen, über frühere landschaftliche Qualitäten im Siedlungsraum, lassen die jüngere Generation mit einer inneren Leere zurück. Schlitteln auf dem Stadthügel oder Eislaufen auf dem nahen Tümpel, Baden im Dorfbach oder bunte Sträusse pflücken – gleich von der Blumenwiese nebenan, war selbstverständlich. Diese für unser Wohlbefinden zentralen Siedlungseigen-schaften sind in wenigen Jahrzehnten weitgehend zerstört worden.

Dr. Ruta Lasauskaite, Forscherin und freie Psychologin, wies letztes Jahr an der Zentralkonferenz des Fachverbandes Schweizer Raumplaner in ihrem Referat darauf hin, dass Reizüberflutung in dichtem Siedlungsgebiet elementare mentale Prozesse beeinträchtige. Ein paar Minuten in einer überfüllten Strasse vermindere die Erinnerungsleistung und reduziere die emotionale Selbstkontrolle. An diesen Stress könne man sich, entgegen einer weit verbreiteten Meinung, nicht gewöhnen.

Die Art und Weise wie eine Gemeinde gestaltet ist, beeinflusst das Wohlbefinden ihrer Bewohner massgebend. Bereits das Bauen nach (landschafts-)ästhetischen Idealen ist eine wichtige gesundheitsrelevante Komponente, welche positive Auswirkungen auf das psychische, physische und soziale Verhalten zeigt. Attraktiv konzipierte Fassadenbegrünungen oder vegetationsreiche Strassenumgebungen wirken stressreduzierend und ersetzen negative Gedanken durch positive Gefühle wie Zufriedenheit, Freundlichkeit und Ruhe. Feinfühlig angelegte Parkanlagen sind Orte der Erholung von geistiger Müdigkeit. Studien haben gezeigt, dass grüne Oasen in Städten bevorzugt zur Reflexion und Kontemplation aufgesucht werden, und als Katalysator zur Bewältigung von Lebensaufgaben dienen. Aufgestauter Ärger und Aggression wird vermindert und kann Kriminalität dämpfen.

Eine interessante Planungshilfe ist die Studie von Özgüner & Kendle (2006). Sie stellt fest, dass sogar der Charakter einer Parkanlage menschliche Empfindungen und Verhaltensweisen beeinflusst. Der Aufenthalt in formal gestalteten Parks wird als sicherer, beruhigender und erholsamer empfunden, als jener in naturalistisch angelegten Grünräumen. Dafür werden in einer solchen Umgebung die Gefühle von Natürlichkeit und Freiheit höher eingeschätzt. Soziale Kontakte sind hier einfacher zu knüpfen. Ästhetisch ansprechende, grüne Aussenräume tragen nicht nur in hohem Mass zu sozialen Begegnungen bei, sondern lassen beim Menschen eine emotionale räumliche Bindung entstehen. Dadurch engagiert er sich vermehrt in der Gesellschaft und fühlt sich besser integriert.

Die physische Aktivität der Stadtbevölkerung korreliert ebenfalls mit der Umgebungsgestaltung. Schöne, sichere und bewegungsfreundliche Grünräume erhöhen das körperliche Training im Freien. Studien weisen gar darauf hin, dass in Städten mit vielen, ästhetisch ansprechenden Grünflächen die Übergewichtsprävalenz der Bewohner geringer ausfällt, als in Siedlungen, welche auf die Aussenraumgestaltung keinen Wert legen.

Wohngrün begünstigt die Entwicklung von Kindern und verkürzt Krankheitszeiten

Machen wir uns nichts vor, der aktuelle Trend zur Verdichtung bedeutet Vernichtung von Grünraum innerhalb der Siedlung! Die Forderung besorgter Kreise, dass verdichtetes Bauen nicht zu Lasten der Freiräume erfolgen solle, und nun „hochwertige“ Siedlungs-entwicklung das Gebot der Stunde sei (was haben wir denn bis jetzt gemacht?), wird wohl ein Antagonismus bleiben. Schade! Denn schöne Gärten für das Zuhause sind eine wichtige Energiequelle für die Pflege unserer Gesundheit.

Studien zeigen, dass Gärten und Gartenarbeit durch verschiedene Mechanismen zum Wohlbefinden beitragen. Das Gärtnern vermittelt durch die körperliche Bewegung und durch die Faszination zur Natur Ruhe und Friedlichkeit. Zudem kann der Prozess des Gärtnerns das Selbstvertrauen und somit die Zufriedenheit mit der eigenen Person erhöhen, indem Verantwortung für einen Garten übernommen wird, und das Pflanzenwachstum Erfolge sichtbar macht. Bereits die Planung des eigenen Gartens ist über das Gefühl der Identifikation gesundheitswirksam.

Bei der Gestaltung einer gesundheits-fördernden Wohnumgebung gibt das Modell von Maderthaner (1995) den Planenden interessante Hinweise. Es nennt 10 lebensraumbezogene Bedürfnisse, die erfüllt sein müssen, damit sich der Mensch in seiner Umwelt wohl fühlt. Die „Privatheit“ und die „Regeneration“ sind 2 davon. Ersteres meint die Wahrung der Intimsphäre, den Schutz vor Einsehbarkeit und Mithören. Letzteres berücksichtigt den Schutz vor Lärm, die Notwendigkeit von Licht und die Möglichkeit der Bewegung.

Sogar der Blick auf die Natur wurde untersucht. So gibt es von Van den Berg (2003) und Ulrich (1989) wissenschaftliche Belege dafür, dass der Einfluss des Blickes aus dem Fenster auf Vegetation im Vergleich zum Blick auf eine nackte Hausmauer die Erholung von Krankheit beschleunige und weniger Vermerke über Schmerzen und Unwohlsein registriert würden.

Die pädagogische Gesundheitskomponente ist wohl einer der wichtigsten Gründe für grüne Wohnumgebungen. Der direkte und sichere Zugang zu Freiräumen mit vielen natürlichen Landschaftselementen, beeinflusst die Entwicklung eines Kindes positiv. Es spielt länger, öfter und kreativer. So entwickelt sich eine ausgeprägte Geschicklichkeit und Bewegungsfähigkeit. Durch die direkte Landschaftserfahrung nimmt das Kind auch Abläufe und Zyklen in der Natur wahr, die ein Menschenleben überdauern. Das gibt ein Gefühl von Kontinuität und Sicherheit, welches zu einer stabilen emotionalen Entwicklung beitragen kann. Wollen wir in Zukunft eine Gesellschaft, die sich für den Erhalt einer intakten Landschaft einsetzt, braucht es nach Gebhardt (1994) Menschen, die im Kindesalter Naturerfahrungen erleben durften. Es werden auch jene sein, welche am ehesten grüne Berufe erlernen werden.

Grüne Firmenareale erhöhen die Konzentrationsfähigkeit

Betrachtet man die unwirtlichen Gewerbezonen, scheint der Mensch als Produktionsfaktor keine grosse Rolle zu spielen. Erst ein paar international agierende Konzerne haben den Nutzen grüner Firmenareale für sich entdeckt.

Natürlich gestaltete Aussenräume haben eine günstige Wirkung auf die Erholung von geistiger Müdigkeit und Erneuerung der Aufmerksamkeit. Das führt zu einer verbesserten Konzentrationsfähigkeit und verhilft den Mitarbeiter dazu, neue Ideen und Chancen für anstehende Probleme zu finden. Diesen Zusammenhang erklären Kaplan & Kaplan (1989) in ihrer Attention Restauration Theory (ART), wonach erholsame Umgebungen über 4 Eigenschaften verfügen müssen: 1. Weg sein: Sie vermitteln Abstand zur täglichen Arbeit. 2. Faszination: Sie ziehen die Aufmerksamkeit ohne Anstrengung auf sich. 3. Ausdehnung: Sie ermöglichen die Entdeckung von neuem. 4. Vereinbarkeit: Sie ermöglichen das, was eine Person tun möchte.

Was wurde seither erreicht?

Wie Recherchen und Anfragen ergaben, hatte die Literaturstudie in drei Bereichen Auswirkungen.

Auf wissenschaftlicher Ebene entstanden diverse Forschungsarbeiten und eine breite Diskussion. So organisierte die Forschungsanstalt für Schnee Wald und Landschaft (WSL) zwei internationale Konferenzen über Landschaft und Gesundheit (2009 /2012). Am Rapperswiler-Tag 2015 referierte Jasmin Matros von der Juniorforschungsgruppe Stadt Landschaft & Gesundheit am Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur an der Universität Aachen über freiraumspezifische Wohlfühlfaktoren. Ebenfalls zeugen viele Publikationen vom erwachten Interesse am Thema. Der Zwischenbericht „Landschaftsbeobachtung Schweiz“ (BAFU 2013) präsentiert neue Ansätze sowohl zur Erfassung von physischen Landschaftsqualitäten als auch zur Abbildung der Wahrnehmung der Landschaft durch die Bevölkerung. Erwähnenswert ist auch die Masterarbeit über die Wirkung der Landschaft auf die Gesundheit – am Beispiel der Umgebung des Flughafens Tegel (Marinyok 2009). Das anthos (03.2013) widmete dem Gesundheitsaspekt von urbanen Grünräumen ein ganzes Heft.

Auf der Umsetzungsebene gilt es dem Liebefeldquartier in Köniz BE besondere Beachtung zu schenken. Dieses wurde anhand von 37 Kriterien einem Gesundheits-Check unterworfen, um das physische, psychische und soziale Wohlbefinden der Bewohner zu eruieren. Die auf Partizipation der Bevölkerung angewandte Methode erwies sich als erfolgsversprechend und praxistauglich, um urbane, öffentliche Freiräume auf ihre Gesundheitsrelevanz zu bewerten.

Unter dem Titel Gesundheit fördern, Landschaft gestalten ist dieses Jahr eine Broschüre für Gemeinden (Herausgeber: SL) entstanden. Sie zeigt auf, welche Kriterien wichtig sind, damit sich die gesundheitsfördernde Wirkung von Landschaft entfalten kann.

Auf lokaler Ebene bzw. auf privater Initiative lässt sich feststellen, dass sich vermehrt renommierte Unternehmungen und fortschrittliche Städte mit dem Potential der Landschaft auseinandersetzen. Indem sie Campusareale oder Parkanlagen schaffen, sorgen sie nicht nur für das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter resp. Bewohner, sondern schaffen auch Mehrwert für Ihre Firma oder ihre Gemeinde.

In entgegengesetzter Richtung

Trotz grösserer Beachtung für das Thema, läuft die für den Bürger sichtbare Entwicklung in entgegengesetzter Richtung. Da die Zersiedelung, Verdichtung oder Energiewende starke Trends sind, welche es für den Profit nicht zu verpassen gilt, bleibt die Landschaft als wertvolle Ressource in schwacher Position. Dies führt nicht nur zu einem Verlust qualitativ hochwertiger Grünräume, sondern schadet eben auch der Gesundheit einer Gesellschaft. Erst wenn grosse Players, wie bspw. Krankenkassen einsehen, dass mit einem sorgsamen Umgang mit der Landschaft und bewusst gestalteten Freiräumen Millionen an Gesundheitskosten einzusparen wären und auf Wirtschaft und Politik Druck ausüben, wird sich das Blatt wenden. Doch auf dem Weg zur Erkenntnis, dass der Wohlstand einer Volkswirtschaft nicht alleine mit einer BIP-Zahl gemessen werden sollte, stehen wir nicht mal am Anfang.